Wohnen
Publiziert: 17.04.2016 / 06:00
Von der Stadt in die Engadiner Berge

So vielseitig wie die Bäuerin Erika Janett ist auch der Biobetrieb mit schottischen Hochlandrindern und Whisky-Bar.

Ein kleines Dorf in den Engadiner Bergen auf 1540 Metern über Meer ist seit rund 36 Jahren die Heimat von Erika Janett. Einer Stadt-Zürcherin, die sich der Liebe wegen für das Leben als Bäuerin in den Bergen entschieden hatte. «Zu Beginn war es schon seltsam, und ich hatte etwas Mühe», hält Erika Janett fest. Doch heute könne sie sich nichts anderes mehr vorstellen und sei froh, nicht mehr mitten in der städtischen Hektik leben zu müssen.


Dass sie sehr flexibel und offen für neue Ideen ist, zeigt auch der Verlauf ihres Lebens. Denn unterschiedlicher könnten die zwei Welten von Erika Janett nicht sein. Aufgewachsen ist sie in der Stadt Zürich, wo sie Vermessungsingenieurin werden wollte, mit dem Ziel, einmal in der Kartografie – das heisst dem Erstellen von Landkarten – einsteigen zu können. Da dies jedoch nicht auf Anhieb klappte, begann sie ein Studium in Geografie und Kartografie an der Universität und eidgenössischen Hochschule in Zürich. Dabei schaffte sie es bis zum zweiten Vordiplom.


Harmonischer Arbeitsalltag

Als sie nach Tschlin in die Ferien fuhr, lernte sie ihren heutigen Mann Jon Pitschen Janett kennen. Noch während des Studiums suchte sie Arbeit im Engadin und bekam eine Stelle am Hochalpinen Institut in Ftan. Jon Pitschen war zu dieser Zeit bei seinem Vater auf dem Betrieb angestellt. Als er diesen dann 1989 übernahm, stieg Erika ebenfalls in die Landwirtschaft ein und half bei der 
Arbeit mit den Milchkühen mit. Sehr bald stellte das Paar auf Bio-Produktion um. Seither ist sie jeden Tag im Stall oder auf der Weide anzutreffen.


«Wir harmonieren gut zusammen und wechseln uns ab», meint sie zum Alltag. In erster Linie sei sie für die Fütterung und Pflege der Tiere verantwortlich. Seit bald 20 Jahren sind es 
nicht mehr Milchkühe, sondern schottische Hochlandrinder und andere Fleischrassen, die Janetts betreuen.


Etwas kleinere Entrecôte


«Wir brauchten etwas Zeit für den Wechsel auf die Fleischrassen», erinnert sich Erika. Da dies für alle Neuland war, wollten sie auf Nummer sicher gehen und hatten zu Beginn nur einen Teil umgestellt. Die Hälfte der Tiere war noch immer für die Milchproduktion im Stall. Dies brachte aber gar nichts, meint die Bäuerin rückblickend. «Denn so verdienten wir auf beiden Seiten eher schlecht.» Erst als sie dann definitiv den Schritt weg von der Milch hin zur Fleischproduktion wagten, ging es aufwärts. Dabei verfolgen Erika und Jon Pitschen Janett bei der Fütterung eine klare Linie: «Wir geben unseren Tieren nur, was auf unseren Feldern wächst und kaufen kein Futter – auch nicht Kraftfutter – zu.» Dies widerspreche den Grundsätzen des Biolandbaus, hält Erika fest. «Unsere Kunden wissen das und akzeptieren, wenn das Entrecôte halt etwas kleiner ist und dafür die Qualität zu hundert Prozent stimmt.»

«Zwangsferien» im Sommer

Mit rund 44 Tieren seien sie und ihr Mann gut ausgelastet, meint Erika Janett: «Schliesslich sind wir nicht mehr die Jüngsten und möchten daher eher ab- als aufbauen.» Die Bereitstellung des Fleisches für die Direktvermarktung und die Betreuung der vielen Ökowiesen dürfe nicht unterschätzt werden. Dennoch können sie Anfang Sommer von «Zwangsferien» profitieren, wie Erika Janett es nennt, da die Ökowiesen und Felder im Vogelgebiet nicht vor Mitte Juli gemäht werden dürfen. Diese nützen sie dann auch fast jedes Jahr aus, um einen Moment zu verreisen.


Alle paar Jahre fliegen sie für einen Besuch nach Schottland und besuchen jenen Betrieb, von dem sie drei Kühe direkt importiert haben. «Wir sind das ganze Jahr über miteinander in Kontakt, da in beiden Ställen Webcams eingerichtet sind.» Die Verbundenheit mit Schottland zeigt sich auch gleich beim Eingang zum Stall. So haben Janetts in der ehemaligen Milchkammer eine kleine Whisky-Bar eingerichtet, bei der auf Anfrage Degustationen für kleine Gruppen durchgeführt werden.

In naher Zukunft möchten die Janetts ihren Betrieb verkaufen und sich somit einen Teil der Pension sichern. Denn ihr Sohn Nicolà sei nicht in der Landwirtschaft tätig, und bei den Brüdern von Jon Pitschen seien die Kinder noch zu klein, um für die Betriebsübernahme in Frage zu kommen.

Yvonne Rauch-à Porta

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