Viehzucht
Publiziert: 02.10.2017 / 08:09
Der Richter und seine Kuh

Kuh ist nicht gleich Kuh: Wer Rindvieh richten will, muss Euter, Becken, Hüftgelenk und weitere Merkmale beurteilen können. Augenschein in einem Jungrichter-Kurs.

Emsiges Treiben herrscht auf dem Hof der Familie Güdel in Wynigen bei Kirchberg im Kanton Bern. Es ist ein schöner, warmer Herbstsamstag im September. Vor den Stallungen werden Rinder geputzt, gestriegelt und bereit gemacht zum Vorführen. Die Berner Jungzüchter Vereinigung mit insgesamt 19 Jungzüchtern aus dem Kanton sind anwesend und absolvieren im Rahmen einer Weiterbildung einen Richterkurs.

Saisonstart im Herbst

„Der Zeitpunkt ist ideal“, sagt Michael Teuscher, Präsident der Berner Jungzüchter-Vereinigung. “Im Herbst beginnen die vielen Ausstellungen und die Jungzüchter können sich mit ersten Grundkenntnisse den einen oder anderen Richterjob bei Viehshows ergattern.“ Es braucht Mut, vor ein grosses Publikum hinzustehen und sein Urteil über die Tiere abzugeben. Im Fachjargon: zu rangieren.

Die meisten der Teilnehmer sind selber schon oft an Ausstellungen gewesen, als blosse Besucher oder aber auch schon mit eigenen Tieren. Daraus erwuchs bei vielen das Anliegen, die Richterentscheide besser nachvollziehen zu können oder aber eben auch selber in den Showring zu steigen und das Amt des Richters zu übernehmen.

Theorie sogleich in die Praxis umsetzen

Am Morgen büffeln achtzehn Männer und eine Frau – alle zwischen 17 und 28 Jahre alt – im leergeräumten Schopf fleissig Theorie. Die Anatomie und Körpermerkmale einer Milchkuh, die Qualitäten eines guten Richters, die Methoden oder das Kommentieren. Ein sehr zentraler Punkt beim Auftritt des Richters im Showring. Einer der Kursleiter ist Urs Buri aus Hasle-Rüegsau, Richter für die Rassen Red-Holstein und Holstein aus dem Pool von Swissherdbook, dem grössten Zuchtverband der Schweiz. „Die Kunst des Richters ist es, die richtigen Begründungen zu seiner Sichtweise darlegen zu können“, erklärt er. Denn wenn er das nicht kann, wird er mit Sicherheit beim Publikum durchfallen und beim OK der Ausstellung schlecht ankommen.

Es ist fast wie beim Schiedsrichter auf dem Fussballfeld. Fällt der Richter Entscheidungen, die nicht nachvollziehbar sind, wird er sich keinen guten Ruf zulegen und ist bald weg vom Fenster. Die Beurteilungen müssen also sitzen, es müssen vergleichende Gründe angeführt werden, warum ein Tier besser eingestuft wird als ein anderes. Es muss kurz und pragmatisch begründet werden, mit einfachen Wörtern, aber nicht in Umgangssprache. Zudem muss der Richter seine Entscheide überzeugt verkünden können. All das benötigt eine gewisse Wortgewandtheit und entsprechende Überzeugungskraft. Die muss der Richter auch vor grossem Publikum selbstbewusst und fachlich gut vertreten können.

Wichtige Kriterien beim Richten

Die wichtigsten Kriterien beim Richten einer Kuh sind der Körperbau, die gesamten Gliedmassen wie Hüftgelenke, Becken, Hinterbeinwinkelung, Sprunggelenke, Fesseln und natürlich das Euter. Dieses nimmt ganze 40 Prozent der gesamten Beurteilung ein. Immer wieder wird Kritik an zu vollen Eutern laut, was mitunter Tierschützer auf den Plan ruft. Urs Buri findet das übertrieben. „Es gibt immer schwarze Schafe, die dann beim grossen Auftritt ihres Lieblingstieres aus Unkenntnis einfach zu viel wollen.“ Die Kühe werden oft unter dem Jahr vom Besitzer sehr verhätschelt und gepflegt. „An der Show ist nur eine Momentaufnahme und wenn der Bauer übertreibt, wird er dann an den Pranger gestellt“, so Buri.

Allerdings findet der engagierte Richter es auch gut, dass ein gewisser Druck der Öffentlichkeit da ist und laufend Anpassungen der Reglemente geschehen. Das sogenannte Kontrollorgan, bei dem die Kuh vor dem Eintritt in den Showring passieren muss, kann eine Kuh mit zu vollem Euter ausschliessen. Immer wichtiger ist nicht nur das perfekte Äussere eines Tieres. Es wird immer mehr auch darauf geschaut, dass es gesund bleibt und lange leben kann. Letztendlich sind beim Züchter bei jeder Kuh auch immer wirtschaftliche Interessen verbunden.

Ambitionierte Jungzüchter

Der Morgen mit der Theorie ist schnell vorüber. Nach der Mittagspause geht der Richterkurs der Berner Jungzüchter in den praktischen Teil über. Jetzt geht es darum, das Gelernte umzusetzen. Die sauber hergerichteten Rinder werden vor dem Schopf auf den Platz geführt und nun geht das Rangieren los. Es herrscht konzentrierte Ruhe. Unter den Teilnehmern ist Lukas Wampfler aus Hofen bei Thun. Der 19-Jährige arbeitet auf dem elterlichen Hof. Das Interesse am Rangieren hat er schon lange. Hier beim Richterkurs in Wynigen selber mal im kleinen Rahmen in den Richterring zu steigen, ist für ihn spannend.

Bei Ausstellungen mutmasst er jeweils unter den drei Besten, hier geht es nun darum, insgesamt acht Tiere zu beurteilen. Eine Herausforderung, die vollste Aufmerksamkeit benötigt. Auch die einzige Frau am Kurs, Sabrina Krebs aus Gerzensee, tritt vor und rangiert die Rinder auf dem Platz. Die gelernte Bäuerin und Besamerin bei Swissgenetics in Zollikofen war schon während der Lehre oft an Ausstellungen und hatte immer Spass daran, aus den Zuschauerrängen im Hintergrund mitzurätseln, welche Kuh wohl gewinnen wird. Sie traf dabei auch schon mal ins Schwarze. Nun hat sie selber Interesse, in den Ring zu steigen und vielleicht sogar mal als Richterin zu amtieren. Für Nachwuchs im Richteramt ist also gesorgt. 

Lis Eymann, lid

 

 

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