Nebenerwerb
Publiziert: 12.03.2017 / 06:22
Sie ist reich an Ideen

Eigentlich war der Besuch der Bäuerinnenschule eher eine Notlösung, doch da hat es Bäuerin Stefanie Gfeller-Jaberg aus Wichtrach BE den Ärmel «inegnoh».

Das grosse Schild mit der attraktiven Frau aus den 50er-Jahren und der Verweis auf die Holzofen-Brote ziehen die Blicke auf sich. Der Hofladen und das Bistro «Chez Fanny» auf dem Schweikhof laden zum Besuch ein.


Auf den Kopf gestellt


Vor fünf Jahren haben Stefanie (33) und Matthias (32) Gfeller den Hof in Wichtrach BE übernommen und einiges auf den Kopf gestellt.

Die beiden kennen sich bereits seit der 9. Klasse. Sie ist am einen Ende von Wichtrach aufgewachsen, er am anderen. Dass sie einst Matthias‘ elterlichen Betrieb übernehmen werden, ergab sich erst mit den Jahren: Matthias Gfeller lernte zuerst Zimmermann und Stefanie, damals noch Jaberg, Schriftenmalerin mit Berufsmatura. Nach einigen Jahren in der Werbebranche suchte sie schliesslich eine neue Herausforderung.


Ein schwerer Unfall


Ein Agronomiestudium mit Fachrichtung Pferdewissenschaften war für die passionierte Reiterin das Ziel. Dafür musste die junge Frau ein einjähriges Praktikum absolvieren.


Doch schliesslich kam alles anders: In den letzten Wochen ihres Praktikums kam es zu einem schrecklichen Unfall. Stefanie Gfeller erinnert sich noch, wie sie in den Stall zu den Pferden ging. Ab da sind die Erinnerungen weg. Ein Pferd musste sie getroffen haben. Diagnose: Schädel-Hirntrauma und Hirnblutung – mit 27 Jahren.


Nach den ersten Wochen des Bangens war klar: das bevorstehende Studium konnte sie vergessen. Monate später kämpfte sie immer noch mit Sehproblemen, Autofahren durfte sich nicht.


Neues ausprobieren


Mehr als Notlösung meldete sie sich auf der Suche nach einem beruflichen Wiedereinstieg in Hondrich zur Bäuerinnen-Schule an. Und da habe es ihr «total den Ärmel inegnoh», sagt die heute 33-Jährige. Zum ersten Mal habe sie selber Konfitüre 
gekocht.


Alles, was sie in der Schule gelernt hatte, wurde zu Hause auf dem Betrieb geübt und angewendet. Sie gab den alten Holzbackofen wieder in Gang, feuerte ein und backte ihre ersten Holzofenbrote. «Die seien zwar bei den ersten Versuchen eher geräuchert gewesen», lacht sie. Doch die junge Bäuerin gab nicht auf: Sie besuchte Kurse, testete und pröbelte – bis die Backwaren aus dem Holzofen köstlich schmeckten. Genau das macht Stefanie Gfeller gerne: Neues ausprobieren, experimentieren und ver
feinern. Aber es gelinge nicht immer, sagt sie.


Auf dem Schweikhof werden Zuckerrüben angebaut. Es müsse sich doch bestimmt eine 
Verwendung in der Küche für Zuckerrüben finden, sagte sie sich und machte sich kurzerhand ans Werk: doch weder die scharf gewürzten Zuckerübenschnitze im Backofen noch der Rübenkuchen schmeckten wirklich fein.

Am ehesten geniessbar seien die Zuckerrüben-Chutneys gewesen, sagt sie. Zufrieden ist sie aber auch damit noch nicht. «Irgendetwas finde ich bestimmt noch.» Bereits seit Jahren wurde auf dem Hof regelmässig Rindfleisch aus eigener Produktion verkauft.

Stefanie Gfeller ergriff die Gelegenheit, an diesen Verkaufstagen ihre selbst hergestellten Konfitüren, eingelegten Gemüse, Brote und Zöpfe anzubieten. Ihre Produkte fanden Anklang. Über Facebook, über eine ansprechende Website und via Whats-App hielt sie ihre stetig wachsende Kundschaft auf dem Laufenden.


Mittlerweile wird der Ofen draussen auf der Terrasse einmal pro Woche eingefeuert. Brote und Zöpfe von 20 Kilogramm Mehl stellen Stefanie Gfeller, ihre Mutter und eine weitere Mitarbeiterin jeden Freitag her. Rund 40 Brote und 30 Zöpfe

gehen so über die Theke. Gleichzeitig werden salzige und süsse Kuchen gebacken.


Freien Stall umgebaut


Die Kunden nutzen die Gelegenheit, sitzen zusammen und trinken einen Kaffee. Stefanie Gfeller schätzt diesen Austausch und den Kontakt zu den Kunden. Das war mitunter ein Grund, den leer stehenden Stall umzubauen: 2015 wurde das Bistro «Chez Fanny» sowie der integrierte Hofladen und die Produktionsküche fertig. Mittlerweile hat sich die Bäuerin mit diesem Betriebszweig selbstständig gemacht.

Mehr noch: Der Hof bietet weitere spannende Räume für Gastlichkeiten. Im Gewölbekeller, auf der überdachten Terrasse mit Blick über das Aaretal oder in der zum Hof gehörenden Sandsteinhöhle finden verschiedene Anlässe statt. Bei Gfellers auf dem Schweikhof werden Geburtstage gefeiert oder Konfirmationsessen genossen. Das eingespielte Team rund um Stefanie und Matthias Gfeller kocht und bewirtet die Gäste.


Noch viele Ideen im Kopf


Direktvermarktung und Agrotourismus gehörten zu Stefanie Gfellers Diplomarbeit als Bäuerin mit eidg. Fachausweis auf dem Hondrich. Rasch und mit viel Elan setzte sie um, was sie gelernt hat.


Ideen für die Zukunft hat die junge Bäuerin noch einige: Eine Umstellung auf biologischen Anbau wäre erstrebenswert, sagt sie. Wenn es nach ihr ginge, nähme ebenfalls die Kleintierhaltung rund um das Haus zu. Zudem ist das stattliche Bauernhaus riesig und bietet noch viele Möglichkeiten. Das Angebot an Gasträumen könnte erweitert werden. «Die Frage ist nur: Wollen wir das?», sagt die Bäuerin und zuckt mit den Schultern.

Pferde bieten Ausgleich

Trotz des schlimmen Unfalls sind Pferde ihr Hobby und Ausgleich zum strengen Alltag geblieben. Eines schönen Tages – ohne jemandem etwas davon zu erzählen – hat sie sich wieder auf ihren Wallach gesetzt. Mittlerweile hat sie sich ein zweites Pferd gekauft und geniesst die freien Stunden auf dem Rücken ihrer Vierbeiner.

Sandra Joder

Mehr Infos zum Betrieb: www.schweikhof.com

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