Schweiz-International
Publiziert: 12.08.2017 / 19:00
Sortenorganisation Gruyère: Ein Roboterverbot, das keines ist

Das Pflichtenheft verbietet automatische Systeme nur indirekt, neue Technologie könnte helfen.

An sich wären viele der 1900 Gruyèrebetriebe prädestiniert für automatische Melksysteme (AMS): Sie halten zwischen 30 und 70 Kühe und wären mit  dem hohen Milchpreis und stattlichen Direktzahlungen dank grosser Flächen auch solvent genug für die Anschaffung eines Roboters. Nur ist dies seit 2012 verboten: «Striktes und sofortiges Verbot der Installation von Melkrobotern für ein fortlaufendes Melken innerhalb der landwirtschaftlichen Betriebe, die der Sortenorganisation Gruyère AOP (IPG) angehören», hiess es im Antrag, dem die Delegierten der IPG am 2. Juli vor gut fünf Jahren klar zugestimmt haben. 

Wie weiter nach 2022?

Ausgelöst hatte den Verbotsprozess zehn Jahre zuvor ein Produktionsproblem einer Käserei mit hohem Robotermilch-Anteil. Der Roboter geriet in Verdacht und diesen liess sich die IPG mittels Studien von Agroscope bestätigen. Ab 2007 galt während fünf Jahren ein Roboter-Moratorium, das dann wie erwähnt ins Verbot überführt wurde. Für das bestehende knappe Dutzend Produzenten, die bereits vor 2007 automatisch gemolken hatten, wurde eine Übergangsfrist bis 2022 beschlossen.  

Nun kursieren in der Branche seit einer Weile Gerüchte, wonach die IPG an einer Lockerung des Verbots herumstudiere. Auf Anfrage sagt IPG-Direktor Philippe Bardet, es gebe gar kein eigentliches Verbot für automatische Melksysteme. «Nirgends steht geschrieben, dass man die Aggregate von Hand anhängen muss», so Bardet. Das stimmt, im Pflichtenheft steht lediglich:

  • dass jede Kuh zwei Mal pro Tag zu melken ist,
  • dass das ältere der beiden Gemelke nicht älter als 18 Stunden sein darf und
  • dass die Einlieferung der Milch höchstens vier Stunden nach Beginn des Melkens zu erfolgen hat, wobei für das Melken 2,5 Stunden und für den Transport 1,5 Stunden als Obergrenzen festgelegt sind.

Das sind aber allesamt Vorschriften, welche den Einsatz eines klassischen AMS ineffizient machen, denn der Effizienzgewinn beruht ja gerade auf dem kontinuierlichen Melkvorgang, der auch durch den Entscheid von 2012 («fortlaufendes Melken») per se verboten wurde. Trotzdem gibt es offenbar Betriebe, die sich überlegen, die AMS-Kapazität zu verdoppeln, um die Kühe innert zweienhalb Stunden durch den Melkvorgang zu führen, um so den Anforderungen der IPG ab 2022 zu genügen. Wieder andere Betriebe erwägen den Ausstieg aus dem Gruyère, da ihnen die Vorschriften zu umständlich sind.

Grangeneuve evaluiert

Ein neues System mit hoher Kapazität ist auch das automatisches Karussell, wie es De Laval und GEA im Angebot haben. In der Schweiz läuft zwar noch keines, aber es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis es soweit ist. Erster Kandidat könnte der neue Stall des Landwirtschaftlichen Instituts Grangeneuve sein, wie Bardet antönt. Dort arbeitet man im Moment am Pflichtenheft für die Stalleinrichtung. 

Das Thema Melksystem sei hochaktuell, aber noch nichts entschieden, sagt Pius Odermatt, stv. Direktor des Instituts. Zu berücksichtigen seien auch wirtschaftliche Aspekte und die Grösse der Herde (Durchschnitt 50 Kühe). Man habe die Frage innerhalb der zuständigen Kommission, wo auch die IPG vertreten ist, intensiv diskutiert. Der Freiburger Schulbetrieb ist ein grosser Milchlieferant für Gruyère AOP aus der eigenen milchwirtschaftlichen Werkstatt.

Urs Schmid, zuständiger Produktleiter bei De Laval, erklärt zum Thema automatisiertes Karussell, dass damit AMS auch für Gruyère-Betriebe wieder aktuell werden könnten. Meistens seien diese Anlagen mit 24 Plätzen ausgestattet und verfügten über zwei Anrüstarme, zwei Anhängearme und am Schluss des Karussells über einen Zitzentaucharm. Mit diesem System könne man pro Stunde bis zu 90 Kühe melken, in zweieinhalb Stunden wären also 225 Kühe melkbar. Weltweit hat De Laval derzeit 17 solche Anlagen in Betrieb, GEA mehrere Dutzend, sagt Verkaufsgebietsleiter Stefan Schlauri.

Lely will freien Kuhverkehr 

Lely dagegen hat sich stets bewusst auf den Melkroboter konzentriert, so Marcel Schwager vom Lely Center Schweiz. Aus seiner Sicht gehen die Vorteile des AMS (kein Stress im
Warteraum, freier Kuhverkehr, mehrmaliges Melken) durch beschränkte Melkzeiten auch in einem automatisierten Melkstand verloren. «Die Auswirkungen von Stress auf die Euter- und Tiergesundheit werden weiterhin massiv unterschätzt», ist Schwager überzeugt. Mehrere Gruyère-Produzenten arbeiteten mit AMS von Lely. Sie gehörten in ihren Käserein allesamt zu den Besten, was die Milchhygiene angeht.
 

Philippe Bardet sieht es etwas anders. Die Qualität, die für ihn über allem steht, sieht er nach wie vor am ehesten durch das Melken im Melkstand gewährleistet, wie er sagt, auch weil die Betriebsleiter regelmässig bei den Kühen sind. Das Problem der AMS sei oft, dass die Bauern nicht mehr häufig genug im Stall seien.

Kompoststall verboten

Apropos Stall und Qualität. Um diese zu sichern, hat die IPG in einem wenig beachteten Entscheid vom Juni 2017 wie die Kollegen vom Appenzeller den Kompoststall verboten. Im Artikel 15 des Praxisleitfadens für die Herstellung heiss es neu, dass neben den als Einstreu bisher schon verbotenen Grasresten, toten feuchten Blättern, Kartoffelkraut, Dreschstaub, Mist und separierter Gülle neu auch «jede andere ungeeignete Substanz verboten sei». Dazu gehört laut Bardet auch Kompost.

Adrian Krebs

Diskussion über Obergrenzen

Bei der Sortenorganisation Interprofession du Gruyère (IPG) diskutiert man nicht nur über Melksysteme. Im Gespräch seien auch Obergrenzen bei der Grösse der Milchproduktionsbetriebe, so Direktor Philippe Bardet. Diese Diskussion sei noch nicht zu Ende, betont der langjährige operative Leiter der Organisation. «Was wir nicht wollen sind Betriebe mit 300 Kühen, wie derzeit einer für die Industriemilchproduktion im Kanton Neuenburg geplant ist», sagt Bardet. Wo genau die Grenze gezogen werden soll, ist aber noch unklar. Ihm scheine eine Obergrenze zwischen 70 und 100 Kühen pro Betrieb vernünftig. Bereits heute gebe es eine natürliche Beschränkung durch die Pflichtenheft-Vorschrift, wonach 70% des Grundfutters vom Produktionsbetrieb selber stammen müssen. Es werde früher oder später einen Entscheid der IPG in dieser Sache geben, wobei noch zu definieren sei, ob die Beschränkung bei der Kuhzahl, bei der Milchmenge oder bei der Betriebsfläche zu ziehen sei. Um die dezentrale Produktion, eines der zentralen Verkaufsargumente von Gruyère, zu stützen, will die IGP auch bei den Käsereien keine übermässig grossen Betriebe. Bardet sieht die ideale Obergrenze bei rund 4 Mio kg. Allerdings gebe es mehrere Betriebe mit bis zu 6 Mio kg.

akr

 

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