Zentralschweiz
Publiziert: 12.08.2017 / 13:47
Trachtengruppe statt Jugendtreff

Martha Zwyssig engagiert sich seit vielen Jahren für die Urner Trachtenvereinigung.

Martha Zwyssig pflückt im Garten noch schnell eine Rose, dann ist ihr Auftreten komplett. Ihre Urner Festtagstracht hing nicht lange im Schrank: Erst am Tag zuvor fand auf dem Urnerboden das Trachtentreffen Uri-Glarus statt. "Es wurde spät", lacht die Bäuerin. Sie ist gerne unter Leuten, schliesslich gehört dies auch zu ihrem Amt: Martha Zwyssig ist seit zehn Jahren Präsidentin der Trachtenvereinigung Uri.

Willkommene Ruhe
"Manchmal muss ich mir die Zeit stehlen", denn auf dem Hof sei immer genug zu tun. Die 15 Milchkühe und zehn Rinder verbringen den Sommer zwar etwas oberhalb auf der Alp Urwängi, aber das Heuen in den steilen Hängen beansprucht viel Zeit. Sohn Daniel übernahm den Biobetrieb in der Bergzone II und III vor vier Jahren, doch nach wie vor ist Martha Zwyssig eine wichtige Arbeitskraft. Nach dem Tod ihres Mannes führte sie den Betrieb selber weiter, vor allem zu Beginn unterstützt von Familie und Verwandtschaft: "Es musste ja irgendwie weitergehen, wir haben uns halt entsprechend eingerichtet."

Die kurvige Strasse vom Dorf her endet, nur Wanderer auf dem Weg der Schweiz passieren den Hof. Einige sehen hier wohl das Ende der Welt, doch für Daniel Zwyssig ist es "der Anfang vom Paradies". Die Aussicht auf das Urner Reussdelta und rundum in die Alpen ist grandios. Und obendrauf eine unvergleichliche Ruhe, für Familie Zwyssig etwas vom Wertvollsten.

Geliebtes Hobby
Wenn die Zeit es zulässt, pflegt die Seelisbergerin das Sticken, gerne auch für andere. Ihre Festtagstracht nähte sie selber, das Handwerk lernte sie von ihrer Mutter, die Trachtenschneiderin ist. Deren Nachfolge würde die 54-Jährige gerne irgendwann antreten. Doch so leicht lassen sich die nötigen Stunden dafür nicht entbehren. Obendrauf übernahm die selbstbewusste Bäuerin vor kurzem auch wieder das Amt der Tanzleiterin bei den "Trachtälyt vo Seelisbärg".

Einmal im Leben
Schmunzelnd meint sie dazu: "So habe ich vor langer Zeit schon mal begonnen und bin nun Präsidentin." Aber nochmals von vorne anfangen werde sie nicht – die Tanzleitung übernahm sie, weil niemand anderes daran Interesse hatte. Nach dem schönsten Erlebnis ihrer rund 35-jährigen Aktivzeit in der Trachtengruppe gefragt, fällt Martha Zwyssig die Auswahl schwer. Schliesslich meint sie: "Am speziellsten war die Fahnenweihe zum 75-Jahr-Jubiläum der Urner Trachtenvereinigung diesen Frühling." Das Gefühl, als die neue Fahne ausgerollt und mit einem extra kreierten Tanz eingeweiht wurde, blieb ihr lebendig in Erinnerung. "Darauf hatten wir zwei Jahre hingearbeitet und durften als Lohn diesen einzigartigen Moment geniessen", erzählt die Präsidentin.

Die Entwicklung dieses Brauchtums kennt sie von Amtes wegen gut und staunt über den Erfolg einiger Trachtengruppen: "Diese haben wahnsinnig viele junge Mitglieder, und das zieht wiederum andere an." Mitverantwortlich dafür sei wohl ein vielseitiges Angebot an Freizeitaktivitäten, auch neben dem Tanzen. "Ein Vater sagte mir mal, die Trachtengruppe sei wie ein Jugendzentrum", schmunzelt Martha Zwyssig. In der Gemeinschaft werde zueinander geschaut und man gehe nie ohne ein Mitglied nach Hause. Auch wenn die Suche mal Stunden dauere, wie die Trachtenfrau lachend andeutet.

ag

Die BauernZeitung Zentralschweiz und Aargau stellt in einer Serie die Trachten der Kantone Aargau, Luzern, Ob- und Nidwalden, Schwyz, Uri und Zug vor.

Die Urner Tracht

Nebst weisser Spitze – wie von anderen Kantonen bekannt – findet bei der Herstellung der Haube von verheirateten Frauen ein spezieller Stoff Verwendung: Leinenbänder werden auf einem Nagelbrett in einer bestimmten Form aufgereiht und anschliessend mit schwarzem Hutlack übezogen. Dadurch entsteht die Festigkeit sowie die schwarz glänzende Oberfläche (siehe Detailbild). Martha Zwyssigs Mutter ist eine von zwei Frauen im Kanton, welche diese Haube noch herstellen können. Ledige Frauen tragen nebst dem weitverbreiteten Pfeil im Haar zusätzlich ein Rad, das "Meitlichäppli". Dieses besteht aus einem rund geformten Draht, mit Spitze bezogen.
Seidentuch und -schürze der Urner Festtagstracht sind aufeinander abgestimmt. Einige Ortsgruppen treten in einheitlichen Farben auf, wie zum Beispiel Flüelen mit roten Trachten oder Andermatt in grün. 

ag

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