Er habe sich nicht willentlich mit der PHW-Gruppe Lohmann und Co. angelegt, der grössten Züchterin und Verarbeiterin von Geflügel in Deutschland. Das sagt Guido Leutenegger, Landwirt und Gründer der Firma Natur Konkret.
Pro Woche schlachtet die PHW-Gruppe laut Wikipedia rund 4,5 Millionen Hähnchen. «Wiesenhof», so heisst die bekannteste Marke der PHW-Gruppe. Und dieser Name will geschützt sein. Die Gruppe wollte Guido Leutenegger verbieten, seine Poulets unter der Marke «Wiesengüggel» zu verkaufen – um so bei den Konsumenten Verwechslungen mit der Marke «Wiesenhof» zu verhindern.
Es braucht ein Minimum an Wahrheitsgehalt
Eine entsprechende Mail traf am 10. Juni dieses Jahres an Leuteneggers Firmensitz im beschaulichen Ermatingen in Thurgau am Untersee ein. Absender war eine auf Patentrecht spezialisierten Anwaltskanzlei in Hamburg. Guido Leutenegger suchte diesen Konflikt nicht. Die Auseinandersetzung aber hat er nicht gescheut – und die Medien eingeschaltet. «Guido Leutenegger kämpft gegen deutschen Geflügelgiganten: ‹Ich lasse mir meine Wiesengüggeli nicht verbieten›», titelte etwa der «Blick». «Die Hühner von Wiesenhof werden industriell gehalten und können von einer Wiese nur träumen», sagte Leutenegger der Zeitung. Und ein Markenname müsse ein Minimum an Wahrheitsgehalt erfüllen, sonst würden die Konsumenten in die Irre geführt.
Dies hielt Leutenegger auch in einem Schreiben an die Anwaltskanzlei fest, um noch hinzuzufügen: Die PHW-Gruppe sei bekanntermassen grobfahrlässig verantwortlich für die Verbreitung von antibiotikaresistenten Keimen (ESBL) über Geflügelprodukte. «Diese Keime bedrohen die Gesundheit der Menschheit.» Ende Juni traf dann die Mitteilung bei Leutenegger ein, Wiesenhof werde keinen Widerspruch gegen die Markenregistrierung von Wiesengüggel einlegen. Ob die Argumentation Leuteneggers oder die Angst vor negativer Publizität für diesen Rückzieher ausschlaggebend waren, bleibe dahingestellt.
In mobilen Ställen unterwegs
Die Wiesengüggeli – in der Bergzone heissen sie Berggüggeli und auf Tessiner Alpen Alpgüggeli – sind das jüngste Kind in Guido Leuteneggers Aktivitäten. Eingestiegen in die Hühnermast ist Guido Leutenegger vor anderthalb Jahren. Er hält seine Güggeli in Gruppen von 80 Tieren in mobilen Ställen, was eine Schonung der Grasnarbe ermöglicht. Inzwischen sind 80 solcher Ställe bei verschiedenen Partnern von Leutenegger auf Achse. Die Tiere haben ständig Auslauf auf einer Wiese und werden mit einer 100-prozentigen Biokörnermischung gefüttert. Leutenegger verzichtet auf die gängigen Mastrassen und setzt stattdessen in Zusammenarbeit mit Pro Specie Rara auf alte Rassen.
Dass die Mast mit rund 150 Tagen mehr als doppelt so lang dauert als auf einem herkömmlichen Betrieb, nimmt Leutenegger in Kauf. Dafür freut er sich, dass seine Tiere unter optimalen Bedingungen aufgewachsen sind. Und noch etwas betont Leutenegger: Seine Hühner weisen keine antibiotikaresistenten Keime auf, was bei den meisten herkömmlich produzierten Poulets der Fall ist. Dieses Alleinstellungsmerkmal ist Leutenegger wichtig. Er lässt dies regelmässig durch ein neutrales Labor überprüfen. Die Resultate stellt er ins Internet.
Es lag nicht auf der Hand, dass Guido Leutenegger in der Landwirtschaft landete. Von der Ausbildung her ist er Primarlehrer. Aber ein Engagement für die Natur war schon immer da. Ihn habe stets interessiert und fasziniert, wie Naturlandschaften über die Bewirtschaftung mit Tieren erhalten und gepflegt werden können, sagt er. Leutenegger war von 1980 bis 1990 Präsident und Geschäftsführer der Pro Natura Thurgau. In den Jahren 1999 bis 2003 war er als Stadtrat von Kreuzlingen für das Departement Hochbau und Umwelt zuständig. Die Firma Natur Konkret gründete Leutenegger im Jahr 1990. Das Ziel war, Naturschutzgebiete und Naturlandschaften zu pflegen.
Auf nicht bewirtschafteten Alpen gross geworden
Und Guido Leutenegger begann klein: Mit zwei Kühen und einem Stier. Eingesetzt hat das Wachstum erst, als Leutenegger nach Alpen suchte, die nicht mehr bewirtschaftet wurden. Im Tessin wurde er fündig. Heute bewirtschaftet er 130 Hektaren auf fünf Alpen im Tessin und dem gepachteten Hof in Ermatingen. Zum Tierbestand gehören rund 800 schottische Hochlandrinder, etwa 3000 Hühner (Tendenz steigend) und etwa 100 Wollschweine.
In der Rinderzucht arbeitet Leutenegger mit 82 Partnern zusammen, welche nach den Label-Vorgaben von Natur Konkret produzieren. Diese seien strenger als bei Bio Suisse, betont Leutenegger. Sie würden durch die Zertifizierungsstelle Qualinova geprüft.
Beim Gründer von Natur Konkret geniesst die Biodiversität einen hohen Stellenwert. So liegt bei Leuteneggers Label der Mindestanteil an Biodiversitätsförderflächen bei 14 Prozent und ist somit doppelt so hoch, als dies die Direktzahlungsverordnung des Bundes festlegt.
Gras, Heu und Wasser müssen genügen
Guido Leutenegger setzt in seiner Zucht auf schottische Hochlandrinder. Durch ihre Eigenschaften sei diese Rasse prädestiniert, auf den Alpen gehalten zu werden: Klein und leicht sind die Hochlandrinder, was die Folgen von Trittschäden reduziert. Umgänglich im Charakter, was im Kontakt zu den Menschen zählt. Ausserdem sind sie robust und anspruchslos. Anspruchslos auch, was das Futter angeht: Gras, Wasser und Heu genügen vollauf. Und so verzichtet Leutenegger auf jegliches Kraft- und Zusatzfutter. Um eine einwandfreie Qualität zu liefern, hat Leutenegger zwei Metzger angestellt, die auch für eine optimale Lagerung der Ware nach der Schlachtung zuständig sind.
Beim Absatz seiner Produkte setzt Leutenegger voll auf den im Internet aufgeschalteten Online-Shop (www.natur-konkret.ch): In diesem bietet er die diversen Fleischstücke eines Rindes, Güggelis oder Schweines in Portionen verschiedener Grösse an, die für Paare oder Kleinfamilie geeignet sind. «Dieser Absatzkanal ist herausfordernd. Aber es funktioniert», sagt Leutenegger.
Christian Weber